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Senatsverwaltung will den Fehler im System nicht wahrhaben

Die Berliner Morgenpost berichtete am 25.05.2012, die Bildungsverwaltung übe massiven Druck auf Schulleiter/-innen und Lehrer/-innen von Schulen aus, über die in unserer Heißen Kiste berichtet wurde (Artikel Kritik im Netz - Senatsverwaltung droht Lehrern mit Strafen vom 25.05.2012). Die Bildungsverwaltung widerspricht dieser Darstellung und gibt an, sie habe die Schulen lediglich um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten (Presseerklärung Richtigstellung Headline Morgenpost der Bildungsverwaltung vom 25.05.2012). Wie auch immer man nun auf einzelne Vorwürfe reagiert, die Einträge in der Heißen Kiste machen eines deutlich: Unterricht durch nicht ausreichend ausgebildete „Lehrer“ ist mit Vertretunglehrer-Programmen und Quereinsteiger-Programmen, wie sie die Bildungsverwaltung derzeit praktiziert, systematisch angelegt.

Auf Anfrage des Tagesspielgels musste die Bildungsverwaltung eingestehen, dass fast die Hälfte der zurzeit 700 Vertretungslehrer - also über 300 „Lehrer“ - nicht einmal über das erste von den für das Lehramt notwendigen zwei Staatsexamen verfügt. Dies steht im krassen Widerspruch zum im Koalitionsvertrag formulierten Anspruch: „Die wichtigste Voraussetzung für guten Unterricht sind gut und in ausreichender Anzahl ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Sie müssen durch eine hervorragende Ausbildung auf ihren Beruf vorbereitet werden.“ [1] Aber welche qualifizierte Lehrkraft wartet schon darauf, von der Senatsverwaltung einen lediglich auf 3 Monate befristeten Vertrag als Vertretungslehrer angeboten zu bekommen, wenn sie in einem anderen Bundesland bei deutlich höherem Einkommen auf Lebenszeit verbeamtet wird? Quereinsteiger werden explizit für solche Fächer eingestellt, in denen sich nicht ausreichend qualifizierte Bewerber finden [2], wie z. B. Mathematik, Physik oder Informatik. Dass Quereinsteiger eingestellt werden, ist ein Beleg für den bereits heute bestehenden Lehrermangel. Gleichzeitig verlassen in diesen Fächern vom Land Berlin gut und teuer ausgebildete junge Lehrer/-innen nach dem Referendariat das Land, weil sie die Benachteiligung gegenüber aus anderen Bundesländern übernommenen verbeamteten Kollegen als Zumutung empfinden. Wer hier nach wie vor nur von Einzelfällen spricht, verkennt die Situation erheblich! Ebenso illusorisch ist die von der Bildungsverwaltung geäußerte Erwartung, bereits bis zur Belastungsgrenze ausgelastete Schulleiter/-innen und Lehrer/-innen sollen diesen Qualitätsverlust kompensieren, indem sie (in ihrer Freizeit??) mal ebenso bei nicht ausreichend qualifizierten Vertretunglehrern hospitieren, sie anleiten und beraten. Die laut Tagesspiegel von der Bildungsverwaltung angekündigten Kontrollen werden an dieser Tatsache nichts ändern. Für diesen Zweck gibt es eine zurecht aufwendig finanzierte Lehrerbildung mit Lehrveranstaltungen zu Didaktik und Pädagogik an den Universitäten und dem anschließenden Referendariat, in dem individuelle Lehrerfahrungen in kleinen Seminargruppen und individueller Beratung über einen längeren Zeitraum hinweg reflektiert und so die notwendige Professionalität für das Unterrichten entwickelt werden.

Bezüglich der Kommunikation mit der Senatsverwaltung haben wir folgende Erfahurng gemacht: Kurz nach Amtsantritt von Frau Scheeres hat ein Kollege in einem zweiseitigen frei formulierten persönlichen Brief an die Senatorin seine Sorge zum Ausdruck gebracht, dass die Entscheidung Lehrer/-innen auch weiterhin nicht zu verbeamten zu einem Nachteil im bundesweiten Wettbewerb um gute Lehrkräfte und damit zu einem Qualitätsverlust an der Berliner Schule führen wird. Um nicht unnötig Zeit zu verlieren, wurde der Brief auf dem Postweg zugestellt. Anstatt einer auf das Anliegen seines Schreibens bezogenen Antwort erhielt der Kollege einen Anruf seiner Schulleitung, der Brief sei vom Beschwerdemanagement an sie weitergeleitet worden, der Dienstweg sei nicht eingehalten worden. Dies mag formal korrekt sein, eine der Situation und dem Anliegen des Schreibens angemessene Form der Kommunikation stellt es dagegen nicht dar. Schon gar nicht ermuntert es dazu, sich erneut an die Senatorin oder ihr Beschwerdemanagement zu wenden.

Wir hoffen, dass die Diskussion der in der Heißen Kiste beschriebenen Missstände dazu führt, dass die Bildungsverwaltung umgehend die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, die solche Missstände grundsätzlich verhindern: Sie sollte dafür sorgen, dass...

  • keine Personen ohne volle Lehrbefähigung eigenverantwortlich Unterricht erteilen und
     
  • Schulen anstatt der Mittel für befristet angestellte Vertretungslehrer eine Personal-Ausstattung von über 100% erhalten, so dass Unterricht von den Schulen selbst angemessen und qualifiziert vertreten werden kann. Voll ausgebildete Vertretungslehrer/-innen erhalten durch die erforderlichen Einstellungen eine Perspektive, sich verlässlich für die Berliner Schule engagieren zu können, und eine angemessene Anerkennung für die wertvolle Arbeit, die sie heute aufgrund der häufigen Schulwechsel unter noch schwierigeren Bedingungen leisten, als sie ohnehin schon an der Berliner Schule herrschen.
Wenn sich nicht in ausreichender Anzahl voll ausgebildete Lehrer/-innen für die Berliner Schule gewinnen lassen, muss das Angebot an voll ausgebildete Lehrer/-innen nachgebessert werden. Die Flickschusterei mit den derzeit praktizierten Programmen für Vertretungslehrer und Quereinsteiger verschleiert einen von der Bildungsverwaltung geleugneten bereits bestehenden Lehrermangel, der zu Lasten der Zukunft unserer Stadt geht.

Sollte es entgegen der Darstellung der Bildungsverwaltung doch Lehrer/-innen geben, denen ein Eintrag in der Heißen Kiste vorgeworfen wird und denen in dem Zusammenhang von der Senatsverwaltung oder auch ihrer Schulleitung disziplinarische Maßnahmen angedroht werden, raten wir dazu, sich mit der Landesrechtsschutzstelle der GEW zu beraten. Die GEW hat sich auf den Artikel in der Berliner Morgenpost hin spontan mit den Autoren der Einträge in der Heißen Kiste solidarisiert (Presseerklärung vom 25.05.2012).

Quellen:
[1] Berliner Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU für die Legislaturperiode 2011‐2016 S, 49 http://www.spd-berlin.de/w/files/spd-lv/koalitionsvereinbarung-2011-16_final_spd-berlin_a4.pdf
[2] Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft 2012: Hinweise zur Einstellung für Quereinsteiger/innen in den Berliner Schuldienst http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/lehrer_werden/einstellungen/quereinsteiger.pdf

erstellt am 09.06.2012, letzte Aktualisierung am 11.08.2012
 
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